Aus dem vorherigen Kapitel wissen wir nun das Wichtigste: Unsere Gedanken sind die unsichtbaren Dirigenten unserer Gefühle und körperlichen Reaktionen.
Darauf aufbauend möchten wir Sie nun mit jenem Phänomen vertraut machen, dem wir in der Praxis jeden Tag begegnen.
Um anschaulich zu machen, wie unsere Denkprozesse in der KVT funktionieren, greifen wir erneut auf das Bild eines Baumes zurück.
Stellen Sie sich einen weit ausladenden Apfelbaum vor. Er symbolisiert Ihr Bewusstsein. An seinen Zweigen hängen Früchte: einige sind prall und süß, andere sind angefressen oder bereits faulig.
Diese Äpfel an den Zweigen sind Ihre Gedanken.
In der Psychologie nennt man sie „automatisch“. Sie schießen augenblicklich in den Kopf, fast wie ein Reflex, ohne dass Sie dafür auch nur den geringsten Aufwand betreiben müssen.
Sie ziehen so schnell an uns vorbei und treten so zahlreich auf, dass wir sie oft nur als Hintergrundrauschen wahrnehmen – ohne zu merken, wie sehr sie unsere Stimmung bestimmen.
Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern unsere Sicht auf die Dinge.
Epiktet
Mehr Inhalte in unserem app
Sie sehen nur einen Teil des Inhalts. In der App finden Sie zahlreiche interaktive Artikel. Außerdem gibt es psychologische Tests zur Verfolgung der Stimmungsdynamik, ein Tagebuch, ein Protokoll für automatische Gedanken und vieles mehr!
Lassen Sie uns ein kleines Gedankenexperiment machen.
Stellen Sie sich vor: Sie sitzen in einem gemütlichen Kinosessel, das Licht wird gedimmt und Sie warten auf den Filmbeginn.
Plötzlich springt eine Frau in der Reihe vor Ihnen abrupt auf und verpasst dem neben ihr sitzenden Mann eine heftige Ohrfeige.
Die Situation ist schockierend und angespannt. Versuchen Sie einmal nachzufühlen: Welcher Gedanke würde als Erstes durch Ihren Kopf schießen und was würden Sie fühlen?
Da wir Ihre persönliche Lebensgeschichte nicht kennen, ist es schwer, Ihre exakte Reaktion vorherzusagen.
Schauen wir uns deshalb die Gedanken zweier Zuschauer an, die laut unserem Szenario rechts und links von Ihnen sitzen.
Links sitzt eine Frau, die in der Vergangenheit Erfahrungen mit häuslicher Gewalt gemacht hat. So könnte diese Szene in ihr nachwirken:
Ach Gott, wie schrecklich... Wahrscheinlich bekommt sie zu Hause Ärger deswegen.
Traurigkeit, beklemmende Angst, Verzweiflung.
Zuckt im Sessel zusammen, versucht mühsam die Tränen zu unterdrücken.
Und rechts sitzt ein junger Mann, der erst vor Kurzem eine schwere, turbulente Scheidung durchgemacht hat:
Was für eine Unbeherrschte! Konnte sie nicht bis nach Hause warten, muss sie unbedingt vor allen anderen einen Aufstand machen?!
Wut, starke Verärgerung.
Ballt die Fäuste, spürt, wie ihm die Hitze in den Kopf steigt.
Die Situation ist dieselbe – eine Ohrfeige im Kino. Doch die Gefühle sind gegensätzlich, weil jeder Zuschauer die Szene durch die ganz eigene Brille seiner Lebenserfahrung betrachtet.
Genau diese blitzschnellen, fast wie ein Schuss hervorbrechenden Bewertungen dessen, was passiert, nennen wir automatische Gedanken.
Daraus ergibt sich eine berechtigte Frage: Warum reagieren wir in derselben Situation so unterschiedlich mit automatischen Reaktionen?
Und bedeutet das, dass wir bei jedem unangenehmen Ereignis dazu verdammt sind, in einen Abgrund aus Negativität und Depression zu stürzen?
Absolut nicht.
Automatische Gedanken sind bei jedem Menschen auf diesem Planeten präsent, aber sie führen nicht immer zu einem psychischen Problem.
Das Geheimnis liegt darin, dass diese flüchtigen Gedanken nicht im luftleeren Raum entstehen. Sie sind mit unseren tiefer liegenden inneren Überzeugungen verknüpft.
So wie Äpfel nicht einfach in der Luft schweben, sondern aus Zweigen, dem Stamm und unsichtbaren Wurzeln genährt werden, stützen sich auch unsere automatischen Reaktionen untrennbar auf unsere Zwischenüberzeugungen und Grundüberzeugungen.

